Kirche BB

Predigt am 20. Juni 2004 über Epheser 2, 14-22
aus Anlass des 40. Jubiläums der Partnerschaft
zwischen der Martin-Luther-Gemeinde Böblingen
und der dem Schlossberg der
Diakonie Stetten

Liebe Gemeinde,

herzlich möchte ich Ihnen danken, dass seit 40 Jahren diese Verbundenheit zwischen unseren Bewohnerinnen und Bewohnern auf dem Schlossberg und Ihnen bestehen kann. Auch wenn wir als Gäste kommen, haben wir nicht den Eindruck, Fremdlinge zu sein. Warmherzige Verbindungen, auch zwischen den jährlichen Treffen, sind über die Jahre hinweg gewachsen. Auch persönliche Beziehungen, die sich an anderen Stellen über das Jahr zeigen, haben sich entwickelt. Ich sage dies mit großer Zufriedenheit und Dankbarkeit. Hieran zeigt sich, dass "Stetten nicht außerhalb der Welt liegt", wie Hermann Hesse als Vierzehnjähriger einmal behauptet hat, sondern dass die Menschen aus Stetten ihnen am Herzen liegen und mitten unter ihnen sind. Nicht zu vergessen ist, dass in Stetten auch Böblinger wohnen.

Seit kurzem arbeiten wir mit einer Werbeagentur zusammen, weil wir neue Wege brauchen, um mehr finanzielle Mittel zu erschließen bei den größeren Unsicherheiten der Finanzierungen durch die öffentliche Hand. Einer der Mitarbeiter der Werbefirma erzählte vergangene Woche davon, was er immer wieder erlebt, wenn er bei uns aufs Gelände fährt. Hier werde er jedes Mal freundlich angesprochen; es gäbe Bewohner, die interessierten sich für ihn und würden ihm den Weg weisen. Er sei von der Atmosphäre, die von unseren Bewohnern bewirkt würde, völlig angetan. Diese Erfahrungen haben die Werber veranlasst, die Idee für einen Werbeslogan zu entwickeln: "Diakonie Stetten - im Menschen den Menschen sehen".

Im Menschen den Menschen sehen - was sehen wir in einem Menschen? Wir sind es gewohnt, einen Menschen durch seine Rolle hindurchzusehen. Durch seine Rolle rückt er uns näher oder ferner. Manchmal ist man überrascht, wenn ein Mensch mit einer großen Rolle auch menschlich und natürlich erfahrbar wird. So wie es die Waiblinger Kreiszeitung nach dem Besuch von Bundespräsident Johannes Rau in der Diakonie Stetten vor einem Jahr geschrieben hat: Bundespräsident Johannes Rau hat bei seiner Rede aber genau diesen Menschen Johannes Rau durchschimmern lassen. Und schuf dadurch eine Nähe, die seinen Besuch, seine Anstrengung sehr wertvoll machte.

Wir kommen auf den heutigen Predigttext zurück. Der Schüler des Apostel Paulus, der den Epheserbrief verfasst hat, hat ein sehr tiefes Verständnis vom Menschen, das er aus der Weisheit des Apostels und dessen Erkenntnis Jesu gelernt hat. Er geht der Frage nach, was denn Distanz, Abstand, ja verschiedene Wertungen unter Menschen schafft. In seiner Analyse ist er ganz modern. Heute ist nicht mehr der Stand eines Menschen wesentlich, also die Familie oder der Adel, aus denen man stammt. Ein Fürst, der sich nicht zu benehmen weiß, kann nicht auf Grund seines Adels mit Respekt rechnen. Die Distanz heute zwischen Menschen schafft ihre Leistungsfähigkeit und die vollbrachten Leistungen. Wir sind ganz und gar auf den Wettbewerb fixiert, in dem der eine größere Anerkennung erhält, und somit auch wichtiger wird, der ein bedeutendes Ergebnis aufzeigen kann. Wie sehr der Wert von Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit bewertet wird, können wir besonders intensiv in diesen Tagen bei der Fußballeuropameisterschaft erkennen. Beim Spiel gegen das kleine Lettland gestern Abend häufen sich die herabwürdigenden Wertungen für die deutschen Spieler.

Der Grund für die Leistungen ist fast nie die Freude über die Leistungen und das Glück über die Leistungsfähigkeit, sondern der Grund für Leistungen ist die Anerkennung, die für die Leistung erzielt wird. Viele können sich über eine Anerkennung einer Leistung nicht deshalb freuen, weil sie im Stande waren, etwas zu leisten, sondern sie freuen sich deshalb, weil die Anerkennung ihrer Leistungen sie selbst wertvoller macht. 

Wir leben in einer Welt, in der der, der mehr Anerkennung erhält, auch wertvoller ist. Ich gebe zu: Wie denken alle so. Wir wollen zeigen, was Beschäftigte in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen zu leisten im Stande sind, wenn wir Zertifikate für unsere Werkstätten einholen. Wir zeigen unsere Medaillen, wenn wir - wie in der letzten Woche in Frankfurt - bei den Special Olympics gute Leistungen im Sport erbringen: "Seht, was wir können!" Wir zeigen die Kunstwerke der "Künstler aus Stetten" und sagen stolz: "Seht, das sind dieselben künstlerischen Leistungen, wie die eines Lüpertz oder oder Miro". Erst wenn man Bestimmtes zu leisten im Stande ist, dann gehört man zu einem Club, andere bleiben draußen. Es ist unser tiefes menschliches Bedürfnis: Erst wenn ich das Siegel der Anerkennung habe, dann fühle ich mich wertvoll: Und umgekehrt: Erst wenn jemand anerkannt ist, ist er auch wertvoll für mich. Drehen wir's, wie wir wollen: Die Würde, die jemandem zukommt, hängt an seiner Anerkennung. Und diese misst sich an dem, was er hinkriegt: Das heißt umgekehrt, wer nichts hinkriegt, dem versagt man auch die Anerkennung und damit letztlich auch den Wert.

Es erschreckt mich manchmal, wie schamlos denen, deren Wert im gesellschaftlichen Wertesystem geringer bemessen wird, im Verhältnis größere Opfer abverlangt werden. Das gilt zum Beispiel bei der Gesundheitsreform, die schwerstbehinderte Menschen oder psychisch kranke Menschen besonders stark trifft. Ich hatte in der jüngsten Vergangenheit die Chance, die Art und Weise zu studieren, wie in Skandinavien mit behinderten Menschen umgegangen wird und wie dieses Wertesystem, das sich an der Leistung eines Menschen bemisst, viel weniger Bedeutung hat als bei uns. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Menschen mit Behinderungen wird nicht erst in Hochglanzbroschüren, sondern in der tatsächlichen Wirklichkeit eine besondere Beachtung entgegengebracht.

Der Epheserbrief weiß, dass der größte Antrieb des Menschen seine Sucht nach Anerkennung ist und damit geht die Abgrenzung gegen den vermeintlich weniger Wertvollen einher. Wer anerkannt ist, gehört dazu, wer nicht, bleibt draußen.

Dieses schiefe Bild vom Menschen hat Jesus auf den Kopf gestellt. Er hat sich selber wehrlos und wertlos gemacht. Er hat den Himmel in das wertlose Nichts gebracht, die Liebe in den Tod. Und damit uns Menschen allein um unserer selbst willen wertvoll gemacht. Weil Jesus Himmel und Erde zusammengebracht hat, deshalb ist nichts und niemand auf der Erde von Gott ausgegrenzt. 

Für mich wird dies in der neu renovierten Stuttgarter Stiftskirche augenscheinlich erfahrbar, wenn jedermann um den Altar in der Mitte der Vierung der Kirche herumgehen kann. Die Schranke zwischen uns Menschen und Gott existiert nicht. Jesus hat sie eingerissen. Wir sind für Gott keine Fremdlinge und deshalb sind wir als Gottes Hausgenossen Mitbürger der Heiligen, das heißt, wie gehören zu dem Club aller, die ihren eigenen Wert haben. Jeder ist für Wert erachtet, unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit. Wer etwas leistet, der freut sich der Leistung, sie macht ihn dankbar, aber nicht wertvoller.

Vergangen Montag wurde uns dies ganz tiefgreifend vor Augen geführt. Die Bewohnerinnen und Bewohner einer befreundeten finnischen Einrichtung haben ein Stück einstudiert, in dem das Leben von Franz von Assisi vorgestellt wird. Im September werden unsere finnischen Freunde dieses Stück in Assisi und in Rom aufführen. An einer Stelle des Stücks wird ein völlig in Tüchern gehüllter schwerst-mehrfachbehinderter Mann in seinem Rollstuhl auf die Bühne gefahren. Es stellt eine leprakranken Mann dar. Franz von Assisi heilt den Leprakranken. Ihm werden die eitrigen Tücher vom Leib genommen. Übrig bleibt der schwerstbehinderte Mann in seinem Rollstuhl - der heile Mensch!

Im Menschen den Menschen sehen, so seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.....

Liebe Gemeinde, die Gemeinde ist der Ort, wo dieses Sehen gelernt wird, nicht erst, wenn man es so erfährt, wie die Werbetexter am Freitag. Wir lernen es, weil in der Gemeinde Gottes Wort lebendig ist, weil das Evangelium verkündet wird, weil der Geist der Liebe in der Gemeinde Gestalt gewinnt, weil man sich in ihr nicht erst durch die Rolle begegnet, die jeder hat, nicht alleine durch die Anerkennung, dies sich jemand erworben hat, sondern weil in ihr Menschen sind, die ihren Wert allein auf Grund der Gewissheit der Liebe Gottes haben. Deshalb ist die Gemeinde der Lernort der Verschiedenheit, in der die Unterschiede, die Menschen aufrichten, nicht mehr gelten.

Dies gilt, weil Christus unser Friede ist, der Friede, den wir uns nicht selber machen, sonder der, der uns geschenkt wird. 

        Amen 

Pfarrer Klaus-Dieter Kottnik
Diakonie Stetten e.v.
Kernen im Remstal